Das Waldenburger Bergland

Eine Beschreibung von Otto Nisch




Liebes altes Waldenburg! Du Burg im Walde! Ja, das warst und bleibst du, getreu deinem Namen, für alle, die dich kannten und lieben! Trägst du nicht in deinem Wappen den starken, vollbegrünten Baum zum Zeichen deiner Waldnatur! Und fanden sich nicht überall, in jeder Himmelsrichtung, die Burgen, wehrhafte Zeugen einer Zeit, wo Deutsche diese Einheit von Befestigung und Waldland zuerst erschlossen! Oft waren es nur noch die Fundamente einer Burg oder die Reste einer Mauer, von Brombeergebüsch und dem Anflug eines Fichtenwäldchens umhüllt und bedeckt.

Wie gut kannten wir unsere Burgen, die den Ein- und Ausgang, die Tore zu unserm Waldenburger Kessel, einst beschirmten und uns zur Freude schmückten! Da war der Fürstenstein, der Wächter an der Pforte von der nördlichen Ebene über Freiburg hinauf nach Nieder-Salzbrunn. Da war eine zweite, die Burg Neuhaus, der Beschützer im Südwesten, die von einer steilen, isolierten Bergkuppe in den Schwarzen Grund und zum Sattel zwischen Ochsenkopf und Schwarzem Berg hinüberspähte. In der gleichen Richtung, in das oft feindliche hussitisch-tschechische Land, wachte am Massiv des Heidelberges die Freudenburg, die mit der Neuhausfeste ein ähnlich geschwisterliches Paar bildete wie im Norden die Zeisburg zusammen mit dem Fürstenstein. Griffen wir etwas weiter aus diesem Kreise hinaus, dann erblickten wir im Osten die Kynsburg, im Westen den Rittersitz von Schwarzwaldau.

So war das Waldenburger Land schon im Mittelalter eine wehrhaft umgürtete grosse Waldburg. In ihr lag unsere liebe Stadt Waldenburg mit dem in späterer Zeit neu aufgerüsteten Schloss als Kernstück, gleich einem inneren Burghof genau in der Mitte.

Doch auch ohne seine Burgen glich dieser Waldenburger Kessel allein schon durch die Anordnung der ihn umschliessenden Berge und Höhenzüge einer natürlichen Burg. Nehmen wir unsere Schillerhöhe, den umfassenden Aussichtsberg am Südrand der Altstadt, zum Ausgangspunkt unserer Orientierung. Wir schauen nach Nordwesten. Gleich jenseits der Stadt und ihrer Gruben erhebt sich der mächtige Burgwall, geformt vom Hochwald und der Bismarckhöhe, und wie eine nach Westen vorgeschobene Bastion der Sattelwald. Weiter nach links, in Richtung des grossen Verschiebebahnhofs Dittersbach, wölben sich wie ein Netz von Schanzen, Wällen und Gräben waldige Berge und wiesengrüne Hänge: die Kaiser-Friedrich-Höhe, die Schwedenschanzen, die Kolbebaude, die Ulbrichshöhe, die Steinauer Berge und, in ihrer entfernteren, hinausgeschobenen Lage der Bastion des Sattelwaldes ähnlich, die Gruppe der Wildberge, der Storchberg und der Heidelberg.

Diesen umfassenden äusseren Wall können wir von der Schillerhöhe nur bis zur Ulbrichshöhe verfolgen. Denn hinter uns und über der hochgelegenen Fläche der Neustadt beginnt schon der eigentliche Südrand des Waldenburger Kessels, der mit der Vogelkoppe, dem Fuchsstein, den Butterbergen und den steilen Dittersbacher Bergen — dem Schwarzen Berg und dem Ochsenkopf — sich bei Steinau in den grösseren Bogen vom Hochwald bis zum Heidelberg hineinschiebt. Fast überall empfängt den Wanderer nach kurzem Anstieg aus Stadt und Dorf ein geschlossener Wald — Laubwald in den Talungen und an den unteren Hängen, kraftvoller Fichtenwald auf den Höhen. So fand jeder Waldenburger zu Fuss und ohne viel zeitliche Mühe seinen Berg. Diese Wälle wurden durch zahlreiche grössere und kleinere Pässe abwechslungsreich modelliert, die wie Arme und Hände in die Berge hineingriffen und uns jenseits in eine neue Vielfalt von Gründen und Schluchten hinüberleiteten. Zu einem Teil bildeten diese Übergangswege nur die Stiegen für die Bergleute aus ihren Wohndörfern zum Schacht. Oft aber waren sie zu geschlossenen Siedlungsstrassen wie in Ober-Altwasser, im Bärengrund, in Althain und bei Neuhaus geworden. Da zudem noch ein Teil der Berge aus hartem vulkanischen Gestein eines früheren Erdzeitalters bestand, gab es unter den Mittelgebirgen Schlesiens kaum ein ähnliches Beispiel des Zusammendrängens von Tiefe und Höhe auf engem Raum wie etwa in den Dittersbacher Bergen. Nach Glatz war deshalb für die Eisenbahn nur der Weg durch den Tunnel des Ochsenkopfes möglich.

Hätten wir damals einen Hubschrauber benutzt, um von Bolkenhain nach Reichenbach über unser Bergland dahinzufliegen, dann wäre uns die Vielfalt und die fast wehrhafte Umwallung unseres Heimatlandes noch eindrucksvoller zum Bewusstsein gekommen mit dem Anheben und Absinken der Maschine bei jedem neuen Bergrücken und dem gleichmässigen Fortgleiten über breite und schmale Mulden und die weiten Flächen im Zentrum des Kessels. Wir würden dann nach der Landung von einem der erfahrenen Markscheider und Geologen belehrt worden sein, dass hier in Erdzeitaltern, als noch kein Mensch lebte, längst schon ein Senkungsfeld, ein Becken, bestand. In ihm wuchsen zur Steinkohlenzeit dichte Urwälder, bildeten sich zur Kreidezeit Meeresbuchten, dampften zuletzt, im Tertiaer, Vulkane und breiteten sich Lavaströme zu Decken aus. Unsere bekanntesten Berge verdanken dieser bewegten Epoche ihre Entstehung. Im nahen Adersbach und Weckelsdorf und auch in Görtelsdorf bewunderten wir die bizarren Felsgebilde aus dem Material der Kreidezeit. Die Steinkohle aber liegt in der Hauptsache im Herzen dieses Landes, in der Mitte dieser Naturfestung, im eigentlichen Waldenburger Kessel. Sie wurde im Maschinenzeitalter zum Lebensnerv des wirtschaftlichen Schaffens, das bisher nur den schweren Daseinskampf des Gebirgsbauern, die Armut des Hauswebers und das mühevolle Fahren der Lastwagen von Böhmen nach Breslau gekannt hatte. Lange Zeit lag so der Waldenburger Kessel abseits vom Hauptstrom der deutschen Siedler, die vom Westen kamen. Zwar hatten deutsche Bergleute schon früh in Gottesberg mit dem Abbau von Edelmetallen begonnen und ihre Stadt bei Kaiser und Fürsten berühmt gemacht. Erst die Kohle öffnete vollends, doch viel später, die Tore der Burg und verband sie innig mit der schlesischen Ebene. Aber noch immer verspürte der Reisende die Abgeschlossenheit dieser Landschaft, ihre Besonderheit in all und jedem. Mühsam quälte sich der Dampfzug von Freiburg nach Nieder-Salzbrunn hinauf. Nur durch einen Tunnel, den Schönhuter-Tunnel in Richtung Hirschberg und den Tunnel durch den Ochsenkopf in Richtung Glatz konnte er die Waldenburger Mulde wieder verlassen. Der Einlass und der Ausgang wurden keinem leicht gemacht, auch dem nicht, der die übrigen Passtrassen benutzte, und besonders dann nicht, wenn der Schneewind die Engen verwehte und Wälle auftürmte.

Von dieser und mit dieser vielgliedrigen Umwelt lebte der Waldenburger. Ohne ihre Einbeziehung und Betrachtung wären er und seine Wesensart nicht voll zu verstehen. Doch im Vergleich zu dieser Umwelt muss der Boden in und um Waldenburg als fast ebenes Land gelten. Allerdings trifft diese Bezeichnung nur in Hinsicht auf die Gebirgsverhältnisse zu, denn die Fläche der Stadt und des Beckens wird ebenfalls von zwar niedrigen, aber kräftigen Wellen durchzogen. Die Rathaustreppe zwingt manchem den Atem ab. Eine kleine Bergwanderung ergibt sich für den, der von der Altstadt zur Neustadt emporsteigt, besonders dann, wenn er nicht den gewundenen Weg zur Schillerbaude benutzt, sondern die Kreuzstrasse, und das etwa noch bei Glatteis. Selbst die Strassenbahn dreht sich dort vorsichtig in einer grossen Kehre hinauf. Vom Vierhäuserplatz nach Weissstein gilt es, am Julius-Schacht ebenfalls eine beträchtliche Schwelle zu überwinden. Deshalb wartet der erfahrene Fahrgast stets an der Sarazenenbrücke auf den Hopser, mit dem die Bahn abwärts nach Weissstein lenkt. Noch steiler sind der Aufstieg vom Bahnhof Altwasser nach der Wohnsiedlung Hartebusch und der Abstieg jenseits nach Bad Salzbrunn, wiederum ins Weisssteiner Tal.

Auf der Sohle dieser Talungen hatten sich einst langgestreckte Strassendörfer, wie eben Weissstein und auch Dittersbach, entwickelt. Erst als der Bergbau die Bevölkerungszahl steil in die Höhe trieb, wurden aus Bauerndörfern Industriedörfer, die sich zuletzt in einem geschlossenen Verband mit der eigentlichen Stadt Waldenburg vereinigten. So gleicht das Siedlungsgebiet einem Polypen mit langen Fangarmen, und es ist eine lange Reise, wenn man mit der Strassenbahn vom Bahnhof Dittersbach nach Salzbrunn gelangen will. Bei dem Tempo der bundesdeutschen Verkehrsentwicklung würden sich heute, auf Waldenburg übertragen, Probleme und Schwierigkeiten nicht geringer Art einstellen.

Über dieses Siedlungs- und Verkehrsnetz verstreut, sozusagen zwischen oder nahe den Fangarmen, liegen die umfangreichen Grubenkomplexe. Zur Nacht hat der Besucher beim Blick von den Bergen oder der Neustadt den Eindruck, als sei das kilometerweite Becken festlich illuminiert. Phantastisch steigert sich das Erlebnis, wenn ein Hochofen sich öffnet und eine rote Flammenzunge flackernd zum Himmel leckt.

Sonst bietet das Stadtbild kaum Hervorragendes wie auch sonst überall, wo sich eine Agrarlandschaft unter dem rücksichtslosen Druck von Gründerjahren jäh zur Industrielandschaft umgewandelt hat. Da stehen Bauernhäuser neben nüchternen Mietskasernen, die mit ihren unverputzten Brandmauern wenig Anziehungskraft ausüben. Hier und da erinnern stuckverzierte Patrizierhäuser noch an die Vorkohlenzeit, als das Geschäft der Leinewandherren in Blüte stand. Russ und schwarzer Qualm aus den Essen der Gruben und Porzellanfabriken verdunkeln plötzlich die Luft. Bei Schichtwechsel beherrschen die Kumpel die Strasse. So hat der nur flüchtig Durchreisende rasch ein abfälliges Urteil bei der Hand. Vielleicht ist ihm, gerade als er, leiblich wohlversehen, aus dem »Waldenburger Hof« trat, ein Kohlestäubchen ins Auge geflogen, das den Schachttürmen und Essen des Juliusschachtes entstiegen war und jetzt am unpassenden Platz landete. Vielleicht hatte er noch einen Gang zur Post zu erledigen, als gerade die Kristersche Porzellanfabrik tief durchatmete und ihre blauschwarzen Schwaden aus den Schornsteinen stiess. Kohlestäubchen im Auge oder dunkle Schatten aus Kristerschen Öfen waren auch uns Waldenburgern ganz gewiss ein Begriff und nicht bloss ein Begriff, sondern ein alltägliches Erlebnis. Die Hausfrauen interessierten sich schon morgens beim ersten Blick aus dem Fenster für die Windrichtung, und ob nicht an diesem Tage die Rauchpilze der nahen Gruben gerade auf ihre Hausfront zusteuerten. Im Winter zeigte es ihnen der grauschwarze gesprenkelte Schnee auf den Simsen an, im Sommer die blind gewordene Scheibe oder der Staub auf dem Fensterblech. Fensterputzen war deshalb im sorgsamen Haushalt die tägliche Beschäftigung. Doch gab es so viele herrliche Tage. Unvergesslich sind mir die frostklaren Wintertage. Da eilte ich in der sonnedurchglitzerten Morgenluft von der Neustadt die Kreuzstrasse hinab oder ging gemächlicher den Weg zur Auenschule, sah hinunter auf die Stadt und die Zechen die in schneeweissen Ballen den gefürchteten Rauch kerzengerade in die Höhe stiessen. Fröhlich grüsste ich den blaudunkelnden, schneebehauchten Hochwald, den Sattelwald. Dann gab es für mich, für uns alle kein schöneres Land im weiten Umkreis, das uns in seinem geöffneten Kessel zwischen Hochwald und Butterbergen so mütterlich barg.

So verstand ich immer aus dem Arbeitsdunst das Besondere, das Erfrischende, das Schöne für mich herauszulesen. Ich wusste um köstliche Berg- und Waldwanderungen, die gepflegten Kurorte Salzbrunn und Charlottenbrunn. Ich wusste um die vielen anderen guten Eigenarten, die sich diese Waldburger gerade durch die Begrenzung ihrer Heimatlandschaft bewahrt hatten. Es war gut in Waldenburg zu leben, das trotz seines industriellen Charakters so wenig von der nivellierenden Art und Weise grossstädtischer Industriebezirke erfahren hatte.

Kulturell hatte die Bergstadt dem gesamtdeutschen Raum wenig an künstlerischen Werten zu bieten. Ihr Kapital war neben den Bodenschätzen und der wirtschaftlichen Kraft in dem Bestand eines fleissigen, anspruchslosen und herzlichen Volkes investiert. Es schloss sich untereinander und in dem ihm gebotenen engen Kreise in den Gaststätten bei Bier und Korn, in den zahlreichen Vereinen zu Sport, Gesang, zur Geselligkeit zusammen.

Es wäre ein grosser Irrtum, diese Zellen eines gesunden Volkslebens gering einzuschätzen. Sie bilden den Nährboden für einen künftigen Aufstieg. Das hat uns Gerhart Hauptmann, der in Salzbrunn im Gasthaus »Zur Krone« geboren wurde und in dieser Landschaft und unter diesem Volk die eindrucksfähigsten Jahre, die Jugendjahre, verlebte, in seinen Stücken nachdrücklich bewiesen. Hermann Stehr, der Schweigsame und Zurückhaltende, der über zehn Jahre in Dittersbach lebte, hat gleichfalls die Augen gerade für diese Menschen und ihre Landschaft bei seinen täglichen Wanderungen offen gehalten und die Eindrücke in seinen reifsten Werken verarbeitet. Eduard Becher, der über dreissig Jahre beruflich in Waldenburg wirkte und dort sein Bekenntnis zu Schlesien in dem Liede »0 du Heimat, lieb und traut« niederschrieb, hat in vielen literarischen und musikalischen Zeugnissen seine Liebe zur Bergheimat bekannt.

Als musikalisches Instrument trug die Waldenburger Bergkapelle unter Max Kaden den Namen der Stadt durch ganz Deutschland und über seine Grenzen hinaus. Neben Eduard Becher bleibt vielen Schlesiern die Persönlichkeit des Komponisten Franz Herzig in Erinnerung ebenso wie der Name Otto Franz Heinrich, dem allerdings erst Holland zu einem Durchbruch mit seinen Märchenbüchern verhalf. Unvergessen ist den Freunden der Heimatpflege und Forschung Max Kleinwächter, der jahrelang unter persönlichen Opfern das Heimatmuseum einrichtete und äusserst fruchtbare wissenschaftliche und literarische Arbeit leistete. Seine Aufgabe hat jetzt der Archivar Bartsch übernommen.

Der Kunstfreund findet kein Grüssau, kein Albendorf, keine Magdalenenkirche, kein klassizistisches Schloss. Nur der Fürstenstein bildet wie eine einsame Insel eine Ausnahme. Aber was aus dem Volk erwuchs, besonders aus der dörflichen Gemeinschaft: stilvolle Fachwerkhäuser, ein schlichtes Kirchlein, eine gastliche, freundliche Baude am rechten Platz — das alles ist hier zu finden. Ich denke dabei an das denkmalgeschützte Bauernhaus in Neuhaus und an die alte Dorfkirche in Reimswaldau, die wie eine Wehrkirche auf einem bachumflossenen Vorsprung steht.

Verliessen wir das Stadtgebiet und den eigentlichen Waldenburger Kessel, dann begegnete uns eine Vielfalt von Berggruppen und Tälern. Wir kannten sie gut, schätzten und liebten sie. Die Fremden aber eilten oft achtlos daran vorüber, weil sie abseits lagen und von ihnen überhaupt nicht bemerkt wurden. Es war so: das nahe Riesengebirge überschattete uns, hatte uns im Fremdenverkehr überrundet. Die Reisewelle vom Westen und von Berlin her rollte im Hirschberger Tale aus, übersprang uns und erreichte mit ihren letzten Spritzern nur noch die Bäder von Kudowa, Reinerz, Altheide und Landeck. Allein die kundigen Breslauer wussten um die Schönheit und den Frieden unserer Berge.

Das Wachstum und die Kräftigung der Waldenhurger Industrie hatten zu dieser Entwicklung ein Übriges beigetragen. Die Rauchwolken der Schächte schreckten ab. Sie verschleierten dem Durchreisenden Berge und Wälder. Das galt aber nicht für frühere Zeiten. Da war sogar das düstere Altwasser ein Weltbad, in dem um das Jahr 1800 russische Grossfürsten, polnische Adlige und reiche Handelsleute aus dem Osten Erholung, Heilung und Abwechslung suchten. Ein ertrunkener Stollen, die sogenannte Schiffahrt, bildete mit romantischen Gondelpartien eine Sensation. Die Gelegenheit, ihn zu besuchen, liessen sich auch Königin Luise und ihr Gemahl nicht entgehen. Der Löwenhof, eines der wenigen Reststücke, erinnerte uns an jene Glanzzeit Altwassers. Damals, eben um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, hatte der Kohleabbau nur geringe Bedeutung. Die Herstellung der Leinwand, oft nur in dem bescheidenen Berghäuschen eines Handwebers betrieben, und der Handel mit ihr in den Stadthäusern der wohlhabenden Kaufherren bestimmten das Wirtschaftsbild. Mit der dann zunehmenden Kohleförderung schwand der naturwüchsige, äusserlich so freundliche Charakter, versiegten die Quellen und Bäche in Altwasser, ja, auf der ganzen, dem Waldenburger Kessel zugekehrten Bergfront.

Bad Salzbrunn trat in die Nachfolge und nahm mehr und mehr das Wesen eines Weltbades an mit dem Plessschen Hof, den gepflegten Kurpromenaden, mit Golfplatz und Sprungschanze. Von Altwasser war es durch die hohe Schwelle der Wilhelmshöhe getrennt und zugleich vor dem Steinkohlengebiet geschützt, das ihm aber im Weisssteiner Tal, in dem es lag, bedrohlich näher und näher rückte. So ist es verständlich, dass die beiden anderen Kurorte, Görbersdorf und Bad Charlottenbrunn, die ausserhalb der Begrenzung des Steinkohlengebietes lagen, immer stärkeren Zuspruch fanden. Sie waren eingebettet in die Berge und doch so nahe und zugänglich, dass sie von den Waldenburgern bequem bei einem Nachmittagsbesuch erreicht werden konnten. Nach Görbersdorf, dem Sitz der Bremerschen Heilstätten, kam der Waldenburger meist zu Fuss über die Ulbrichshöhe, Reimswaldau und die Andreasbaude am Heidelberg, oder er benutzte auf der gleichen Strecke den Postbus, besonders dann, wenn er mit seinen Skiern noch den letzten Schnee am hohen Heidelberg ausnutzen wollte.

Idyllisch und heiter lag in einer waldumkränzten, lichtgeöffneten, breiten Talmulde das Bad Charlottenbrunn. Auch dorthin wanderte der Waldenburger zum Nachmittagskaffee. Er konnte seine Kräfte schonen, wenn er die Strassenbahn in Richtung Reussendorf benutzte, an der letzten Kehre zum Ort ausstieg und ueber den bewaldeten Bergrücken zum Bad hinunterspazierte. Eine der schönsten Routen führte vom Bahnhof Dittersbach über Neuhaus, das Milchhäusel am Sattelfuss des steilen Schwarzen Berges und die Vogelhecke immer längs der Berge, immer in einer beträchtlichen Höhe, fast immer durch Fichtenwald und immer wieder mit dem Ausblick in die Gründe: den Drechslergrund, das Dreiwassertal und in die Ferne der blauaufdämmernden Euleberge. Wer von den rüstigen Waldenburgern umwanderte nicht das Hochwald-Massiv, vielleicht in Weissstein beginnend und in Gottesberg endend! Oder er erklomm auf dem übersteilen Zickzackweg von Konradstal die Kuppe dieses markanten Heimatberges, um sich dann in der Gaststätte der nachgeahmten Burgruine zu stärken.

So wirkte dieses Land — mochte auch der Fremde lässig an ihm vorübergehen und nur die Entstellungen durch die Industrie bemerken — ganz stark für sich aus seiner Volkskraft, seiner landschaftlichen Einheit, kurz, aus seiner ihm verliehenen Geschlossenheit.



Quelle:
"Portrait einer Heimat - Schlesien - Städte und Landschaften" Herausgeber: Herbert Hupka, 1982, 320 Seiten
(für das Internet überarbeitet: Reinhard Koperlik)

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