Böhm-Chronik



Auszüge aus der Chronik von Friedland und Umgegend

677 Seiten
von August Werner
1883



Titel-Seite
August Werner beendet seine Chronik mit:

"Zeiten kommen, Zeiten gehen;
der Kreislauf der Welt ist ewig!"

Letzte Seite



Diese Chronik umfaßt die Geschichte der Stadt Friedland mit den 6 Dorfschaften: Alt-Friedland, Schmidtsdorf, Neudorf, Göhlenau, Rosenau und Raspenau. Wenn es der Verfasser erforderlich hielt, wurden auch die Orte Grüssau, Schömberg und Braunau (Böhmen) mit aufgenommen.


Etwas über die Zünfte der Stadt Friedland

Die vereinigte Zunft der Holz- und Eisen-Arbeiter
(Schmiede, Schlosser, Büchsenmacher, Büttner, Tischler)
Die Errichtung dieser Zeche fällt ebenfalls in das Jahr 1562, ...1590 wurden die Artikel von Conrad von Hohberg bestätigt, ebenso 1653 von Hans Heinrich von Hohberg, die Artikel "meines herzvielgeliebten Städtel Friedlands."
1671 den 19. Dezember bestätigte Max auf Göhlenau die Artikel "der ehrbaren Zeche der insgesammt vereinigten Handwerker der Schmiede, Wagner, Schlosser, Büttner und Schreiner im Städtlein Friedland, meinen Unterthanen,"

Alte und andauernde Geschlechter aus diesen Handwerken waren:
1) bei den Schmieden:
Albrecht, Friese, Bergmann, Weydauer und besonders Sandmann.
(Letztere Familie hat über 200 Jahre ununterbrochen 1 bis 3 Schmieden betrieben und ist erst in der Mitte dieses Jahrhunderts
(Anmerkung:19.Jhd.) durch den Verzug des A. Sandmann nach Amerika diese Familie ausgegangen.)
2)Büttner:
Bruchmann, Hentscher.
Erstere Familie hat ebenfalls über 200 Jahre mehrere Büttnerwerkstellen hier besessen.
3) Schlosser:
Winter, Winkler und Heiberger. (Besonders war letztere Familie sehr alt.)
4) Tischler:
Irmler, Hielscher und Legner.
Auch ein Kupferschmied und mehrere Nagelschmiede, Schraubenmacher, Gürtler usw. existirten im vorig. Jahrhundert
(Anmerkung: 18.Jhd.). 1 Uhrmacher und 1 Goldarbeiter liessen sich erst nach dem 7jährigen Kriege hier nieder.

Das Bäckermittel
In demselben Jahre, 1562, wurde auch die Bäckerzeche errichtet und ihr von der Hauptzeche in Breslau die "Artikel" überlassen.
Längere Zeit existirende Bäcker-Familien waren:

Liehr, Hoffmann, Friedrich, Zeuner, Wimmer, Bruchmann.

Die Fleischer
Diese Innung wurde 1567 errichtet.
Die anhaltendsten Fleischer-Familien Friedlands hießen:

Liehr, Schmidt und besonders Heinze und Großmann.
Die Familie Heinze scheint 1673 aus Liebau nach Friedland gekommen zu sein, hat also hier über 150 Jahre existirt. Älter ist noch die Familie Großmann, die im 30jährigen Kriege auch noch die Schölzerei in Schmidtsdorf besaß und ununterbrochen in 2 bis 6 Personen das Fleischerhandwerk hier betrieb. Sie stammt aus Schömberg.

Handwerkszins von 1599
Ein im September 1599 aufgerichtetes und am 1.November 1606 confirmirtes Urbarium der Herrschaft Fürstenstein giebt Betreffs des Städtlein Friedland an:
1. An Handwerkszins a 12 Groschen waren:
a. Schneider: 10 Personen,
b. Kürschner: 9 Personen,
c. Tuchscherer: 1 Person,
d. Fleischer: 8 Personen,
e. Bäcker: 6 Personen. Die ganze Bäckerzeche giebt für den Kucheltisch 16 Groschen.
f. Schuster: 9 Personen,
g. Büttner, Schmiede, Schlosser, Wagner und Maurer (merkwürdigerweise kein Tischler): 15 Personen,
h. Züchner: 27 Personen.
Ein Töpfer und ein Seiler.
Summa der Handwerker 85, giebet jeder jährlich 12 Groschen, thut im baaren Gelde sammt den Kuchentisch 28 Thlr. 28 Groschen.
2. Hausgenossen: 8 Personen, giebet 4gr.= 32 gr.
Die Bürger, Einwohner und Handwerker sind sämmtlich schuldig einen Tag zu jähten und einen Tag 2 Kloben zu brechen, doch auf der Herrschaft Kost, sie haben auch vor diesen auf die großen Jagden Dringer (Treiber) ohne Entgelt geschickt.


Aus dem alltäglichen Leben
"Am 20.Mai 1750 schoß der Badergeselle FIEBIG aus der gegenüberliegenden Baderei nach einem Vogel auf dem Brauhause. Das entstandene Feuer wurde nur mit großer Mühe gelöscht."

1755: "Am 19.November war beim Hochzeitstanz des Färbers
Sieber in dem Regel'schen Weinhause (76, Kirchner) eine große Schlägerei zwischen den Gästen und Musikanten; Letztere, drei an der Zahl, der hiesige evangelische Cantor Warmbrunn, der Merkelsdorfer und der Trautliebersdorfer Schulmeister (Violon, Baß und Cymbol), wurden blutig geschlagen."

Wanderbewegungen
1535: "In den dreißiger Jahren kamen auf Veranlassung Kaiser Ferdinand I. aus Meißen 22 protestantische Bergleute in die Wüstegiersdorfer, Tannhausener Gegend, welche daselbst Bergwerke auf Eisen- und Kupfererz anlegten."

1624: " den 5.Juni sind zu Nachod in Böhmen 29 verjagte Pfarrherrn evangelischer und augsburgischer Confession zusammengekommen und sich alle im Exilio nach Schlesien begeben."

1624-28: " In diesen Jahren und besonders 1630 raffte die Pest die Menschen massenhaft hin und wird solches besonders vom Gebirge berichtet. Außer dieser brachten die Truppen-Durchzüge und allerhand verschiedene fremde Kriegsvölker auch die Syphilis mit, die man bis dahin in Deutschland noch nicht gekannt und deren Opfer auf dem Kirchhofe nicht, sondern auf den Feldern begraben wurden. Diese traurigen Zeiten nöthigten viele Einwohner Schlesiens zum Auswandern, größtentheils nach Ost-Preußen."

Polizei- oder Rathsdiener
1713: "Die landesherrlichen Befehle wurden von in Schweidnitz stationirten Land-Dragonern oder Landreitern, den betreffenden Schulzen und Magisträten übermacht. Die Land-Dragoner hatten außerdem noch die Verpflichtung, die Straßenpolizei auzuüben, Tumultanten zu zerstreuen, Gesindel und Bettler zu überwachen. Besonders waren solche auch an Jahrmarkt- und Kirmeszeiten hier in Friedland und wurden für Rechnung der Stadt- und Landkasse in den Gasthöfen einquartirt und bewirthet, mitunter finden sich auch Douceure für solche in den Rechnungen. Erst mit Errichtung der Gensdarmerie in Preußen hörte die Einrichtung auf."
"Die Rechte und Pflichten eines Polizei- oder Rathsdieners am hiesigen Ort sind während der letzten 200,
(Anmerkung: von 1883) ja selbst 100 Jahre ziemlich andere geworden. Besonders hat die im ersten Theile dieses Jahrhunderts erfolgte Trennung der Verwaltung von der Justiz dies hauptsächlich verursacht.
Die Bürgerwache oder vielmehr "Jahrmarktswache" existirte noch bis gegen Mitte dieses Jahhunderts. Sie bestand aus 2 Mann, mit Seitengewehren bewaffnet.
In den letzten Jahren des 7jährigen Krieges, sowie in dem Kriegsjahre 1807 waren sogar Hilfs-Polizeidiener angestellt. Die Polizeidiener während der letzten 100 Jahre hießen:
Schwarzer, Opitz, Franz, Köhler, Hübner, und Krause.
Von diesen war der populärste und durch Originalität bekannteste, Köhler."

Die Braunauer Religions-Unruhen vor dem 30jährigem Kriege
"Im Fürstenthum Schweidnitz predigten 1529 verschiedene Geistliche nach Luthers Sinn, an einigen Orten früher, an anderen später, z.B. in Freiburg 1524, Hirschberg 1524, Landeshut 1562, Schweidnitz 1523, Striegau 1537, Warmbrunn 1552 ... in Friedland soll 1530 das erste Mal lutherisch gepredigt worden sein..."
"Der Abt und Convent in Braunau sah mit Schrecken die Ausbreitung der Ketzer und wurden denselben unaufhörliche Hindernisse entgegengestellt. Daraus entwickelte sich die bekannten Braunauer Religions-Unruhen, deren Wirkung später zum Ausbruch des 30jährigen Krieges mit beitrugen. Im Jahre 1602 wollte der Abt Wolfgang die angeschwollene Schaar der Lutheraner auf einmal vertreiben...1619 den 19. März wurde der Abt mit 42 Andern aus dem Lande verwiesen. Der mit den wenigen Katholiken zurückbleibende Pfarrer Michale wurde von den Protestanten gemißhandelt...1620 den 8.November befahl der Kaiser dem Abt Bruno, sich wieder in den Besitz des Klosters Braunau zu setzen, zu katholisiren und die Widerspenstigen auszuweisen... In Braunau lagen z.B. im Jahre 1622 Abtheilungen unter Wallenstein. Zu erwähnen ist, daß zu jener Zeit nicht nur die Bewohner des Braunauer Ländchens, sondern auch die der Grafschaft Glatz fanatische Protestanten waren"

Der ungarische Deserteur
1769 den 2. Mai fand in Friedland ein Exzeß statt. Hierselbst hielt sich seit längerer Zeit ein desertirter ungarischer Husar, MAIROSCH, auf, allerdings unter dem Vorgeben, daß er ein Schneider sei und sich ansässig machen wolle. Die Sache währte der Oberbehörde in Schweidnitz etwas lange und wurde der Mann, da überhaupt (ob mit Recht oder Unrecht) verlautete, daß derselbe mit der böhmischen Behörde auf gutem Fuße stehe, sehr verdächtig. Der General-Lieutenant v. Gablenz, den wir schon aus dem Lager von Rosenau 1762 kennen, sandte daher am 2. Mai ein Commando von 1 Unteroffizier und 4 Mann Husaren nach Friedland, um den Mairosch aufzuheben. Die Husaren erkundigte sich sofort nach ihrer Ankunft, was hier für österreichische Deserteure lägen und verlangte 2 Mann von den Bürger-Jüngsten (aus der Herren-Zunft) zur Aufsuchung derselben, ebenso erkundigte sie sich nach dem aus österreichischen Banden geflüchteten GRIESSBACH. Die Wohnungen dieses und des Mairosch wurden gezeigt. Letzterem wurde von den Husaren angekündigt, daß sie mündliche Ordre hätten, ihn nach Schweidnitz abzuholen. Als sich nun derselbe inzwischen seinen Bürgerbrief holen wollte und seine Braut die Husaren gefragt hatte, ob sie nicht zum Burgemeister gehen und sich erkundigen möchte, ob und warum ihr Brätigam nach Schweidnitz abgeliefert werden sollte, diese ihr aber solches verwehrten, sie dagegen großen Lärm verursachte, bekam Mairosch einen großen Schreck, besonders weil er seinen Schein der Werbungsfreiheit noch nicht in Händen hatte; er suchte daher sich aus dem Staube zu machen, was ihm auch gelang. Aus Aerger hierüber kamen die Husaren wie rasend vor des Burgemeisters Thür gesprengt und verlangten, derselbe solle ihnen solchen Kerl nebst dem "böhmischen Manne" (der nicht zu Hause war) sofort verschaffen oder gewärtigen, daß sie ihn, den Burgemeister statt ihrer mitnehmen würden. Der Magistrat ließ Visitationen anstellen, es war aber nichts aufzufinden. Dann ritten die Husaren wieder vor Mairosch Wohnung, prügelten des Wirths Tochter, als dessen Braut, schlugen des Wirths Sohn und drohten dem Alten ebenfalls mit Prügeln. Mehrere Einwohner, die dabei standen, wurden ebenfalls, ohne daß eine Aeußerung von Belang dazu Veranlassung gegeben hätte, mit Säbelhieben tractirt, 2 Kinder sogar erheblich verletzt. Endlich nahmen sie die Sachen des Wirthes und dessen Tochter, sowie Pferd und Sachen des Mairosch mit nach Schweidnitz, welche indessen sämmtlich bald wieder zurückgeschickt wurden. Den Magistrat bediehnte sie mit den Titel "österreichische Canaillen". Von der Braut verlangten sie Geld, diese besaß indessen nichts und mußte ihnen versprechen, einen Ducaten nachzusenden - mit erster Post.

Dieser Exceß und die bald darauf verbreitete Nachricht, daß Emigranten in Friedland zum Militär abgeführt würden, verminderte die Lust zur Ansäßigmachung von Ausländern.

Einwohnerzahlen 1770
Friedland hatte im Jahre 1770: 835 Einwohner, 195 Männer, 210 Frauen, 160 Söhne, 171 Töchter, 18 Gesellen, 7 Knechte, 15 Jungen, 67 Mägde, 23 Leinweber und 10 Webergesellen, 10 öffentliche und 167 Privatgebäude. Seit 1763 waren Ausländer angezogen: 18 Männer, 7 Frauen, 8 Kinder und 2 Gesellen.
Eine Hundezählung im Jahre 1756 ergab 92 männliche und 10 weibliche, eine von 1767 sogar 98 männliche und 12 weibliche Hunde.

Namensbezogene Auszüge (Böhm)
Die ersten Kirchenvorsteher und Deputirte, welche der Graf unterm 12. Januar 1742 dazu bestimmte, waren:
Der Burgemeister George Herrmann GUTTBIER,
der Notar Christ. LEHMANN,
Kaufmann Joh. Christ. KLOSE
und der Gerichtsschöppe Sigismund SCHNEIDER.
Land-Deputirte waren:
Richter Hans KRAMER zu Alt-Friedland,
Richter Hans KAMMEL in Schmidtsdorf,
Scholze Christian ILCHMANN zu Neudorf,
Scholze Friedrich KAMMEL zu Göhlenau,
Scholze Melchior STÖCKEL zu Rosenau,
Gerichtsgeschworener Hans MÜLLER zu Raspenau,

Spätere Kirchenvorsteher waren:
Weißgerber Christ. GANSEL,
George Benjamin KIRCHNER,
Stadtvogt Christ. RASPER,
Joh. Christof SCHMIDT,
George Friedr. ZEUNER,
Kaufmann Daniel Bernhard HÄKNER,
Kaufmann George Christ. POHL,
Servis-Rendant ALTER,
Apotheker Joh.Gottfried HELLER,
Notarius JOPPICH,
Stadtmüller Gottfried PFITZE,
Apotheker Benjamin HELLER,
Rothgerber Benjamin BARTSCH,
Bäcker SCHOLZ,
Handschuhmacher BRUCHMANN,
Garnhändler Johann Karl BÖHM,
Gottfried DELLING,
Kaufmann Ernst SCHMITT,
Kämmerer HENNIG,
Seifensieder Ernst SCHMIDT,
Weißgerber Christian SCHMIDT,
Kaufmann August SCHMIDT,
Papierfabr. Fr. HENDLER,
Uhrmacher W. FRANZ,
Apotheker Aug. HELLER,
Kaufmann W. WÜRSIG,
Schilderdrucker George KIRCHNER usw.

In Schmidtsdorf hieß der erste bekannte Lehrer Benjamin DEUSE, später wird ein Joh. Friedrich BÖHM genannt. Auf diesen folgte 1780 C. KAMMEL, nach ihm 1806 HENKE, der 1825 nach Reimswaldau versetzt ward, 1826 folgte Friedrich BERGMANN. Als letzterer nach Altfriedland versetzt wurde, verwaltete den Schmidtsdorfer ein Lehrer KRAUSE, den 1834 Gust.Ferdinand FIEBIG ablöste. Zu Ostern 1839 wurde die lange bestandene Vereinigung der Niederwaltersdorfer und der Schmidtsdorfer Schule aufgelöst und Letztere mit der zu Altfriedland vereinigt und die Verwaltung derselben einem in Alt-Friedland domicilirenden Adjuvanten übertragen.

1783: Im Kirchenvisitationsprotocoll wurde Joh. Fr. BÖHM als Schulmeister in Schmidtsdorf genannt.

Am 8. November 1742 zeigt der Graf dem Kirchencollegium an, daß ... George DEUSE aus Neudorf, Gottfried SCHRÖTER und David BÖHM aus Göhlenau, Hans Christof BERGMANN aus Raspenau und Heinrich WALPER aus Schmidtsdorf sollen an diesem gepflasterten Fahrweg einen erhöhten Fußsteig von Sand und Steinen gut und brauchbar anfertigen, wozu Hans George ELSNER, Christian SCHUMME und Mathes LUDWIG jeder eine achttägigen, Hans Christ. KRÄTZIG und Hans George UNGER einen dreiwöchentlichen Handarbeiter geben soll.

Eine Nachweisung der im Jahre 1822 auf die 6 Dörfern gestempleten Leinwand sagt: ... 4) Göhlenau: Benj. BÖHM 1450 Schock, Gottfried BÖHM 1830 Schock ... Es existirten in der Stadt 35 Webermeister, 18 Gesellen und 3 Lehrjungen.

Am 8.Januar 1847 brannte das Böhm'sche Haus in Göhlenau ab.

Böhmische Zuwanderer in Friedland nach dem Siebenjährigen Krieg
1766 ließen sich zwei böhmische Scheerenschleifer, WEIDLICH und SCHÖN, hierselbst nieder, die das ganz demolirte Haus Nr. 92 für 50 Thaler erkauften, ein ganz hübscher Preis für die damaligen Verhältnisse. [...] 1767 kaufte der böhmische Holzhändler WENZEL das vollständig leerstehende Haus Nr. 170 (LIEBIG), der Knopfmacher RÖSEL das vollständig ruinirte Haus Nr. 40 im Hintergässel. [...] Mit welchen Widerwillen und Gegenmitteln die österreichische Behörden der Heranziehung dasiger Einwohner nach Schlesien begegneten, beweist die folgende Vorfall, MAIROSCH und GRIESSBACH.
(Siehe "Der ungarische Deserteur")

Wir sehen, mit welchen Schwierigkeiten eine Emigration aus Böhmen nach Schlesien zur damaligen Zeit verbunden war. Wie ganz anders ist es heute
(Anmerkung: Mitte des 19.Jhd.) Wir kriegen viel zu viel, wollen gar nicht die Menge. Während in der ersten Hälfte unsere Jahrhunderts ein czechisch redender, ja selbst ein deutschsprechender Böhme als eine angesessene oder wohnhafte Person in unserem Städtchen ein Seltenheit war, muß man wirklich jetzt , wenn man besonders an Sommerabenden die Unterlaube oder Rosenauerstraße (später Landeshuter Straße) nachgeht oder auch bei einem Wasserbottich vorbei muß, unwillkürlich an den Kopf fühlen und sich fragen: Wo bist Du? Ist das Friedland in Böhmen oder in Schlesien?" Ein undurchdringliches Geschnatter macht sich auf allen Schritten im Städtchen Platz und wenn die Czechen, wie sie behaupten, die Pionire der Civilisation sind, so können die Friedländer dem heiligen Nepomuk nur dankbar sein.

Vor einigen Jahren sah ich einst einen Adersbach-Reisenden im ELSNERschen Gasthofe am Fenster stehen und seine Augen schwärmerisch zu unserem alten ehrwürdigen, nunmehr ganz ver"Sauer"ten Rathause aufheben. Mein Charakter ist nicht derart, mich sofort an Fremde anschließen zu können, doch die Gutmüthigkeit, die im Gesichte des "Steinefels", wie man hierorts die Felsen-Reisenden nennt, zu lesen war, machte mir die Courage zu fragen: Was interessirt Sie denn so sehr, mein Herr! - Ach Gott, sagte der Fremde, wenn ich mir besinne, welche schauderhafte und blutlechzende Decrete aus diesem Schlosse hervorgegangen sein mögen! - Mein Herr, Sie irren sich, dies hier ist nicht Friedland in Böhmen, sondern in Schlesien. - Nein das ist nicht möglich, der Kutscher, der mich von Dittersbach gebracht, sprach zu Dreiviertel böhmisch, die Kellnerin in Schmidtsdorf, wo ich Geschäfte halber anhalten mußte, radebrechte deutsch, die Schenkschleußerin hier in der Kutscherstube hat einen böhmischen Accent. Ich gehe in die Apotheke, um mir ein Brausepulver zu holen, treffe einen österreichich sprechenden Provisor, gehe zum Handschuhmacher und treffe einen böhmisch lautirenden Gehilfen u.s.w. und das soll nicht Friedland in Böhmen sein? Und so ist es heute noch. Es giebt wohl kein Haus in Friedland, wo nicht E i n e s böhmischer Nationalität ist, ist es nicht der Herr, so ist es die Frau, die Verwandte, das Dienstmädchen, der Knecht, der Miether oder eines dessen Familienglieder. Die so rapide wachsende Industrie der 60er und 70er Jahre hat sowohl für die Weberei als auch für die Papierfabrikation so manche böhmische Arbeiter, allerdings weil billig, zum Nutzen der Fabrikherren, aber auch zum Schaden der hiesigen ärmlichen Bevölkerung herbeigezogen. Es ließe sich in dieser Beziehung noch Manches sagen, - im Interesse des Portemonnaies verschwindet selbst der allerdings oftmals nur angemalte Patriotismus gänzlich. Auch die in den 50er Jahren aufgetauchte Manie, "böhmische Kinder in Pension zu nehmen, damit sie deutsch lernen" hat uns so manche Insassen unserer Nachbarschaft zugeführt. ---



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