Böhm-Chronik



Obrigkeitliche Schätzung

Eine Betrachtung der steuerlichen Behandlung von Grundherrschaften in Böhmen

von Andreas Hanacek, Sudeten.BMS-Liste




Schwoy erwähnt die Formulierung "xy Lahnen und abc fl obrigkeitlicher Schätzung" immer nur bei Grundherrschaften, während bei einzelnen Orten nur "xy Joch Ackerland und xz Joch Wiesen" erscheint.

Dies macht vor folgendem Hintergrund Sinn:
Zum Zeitpunkt des Erscheinens von Schwoy's "Topographie von Mähren" funktionierte das Steuersystem in Mähren (vereinfacht) in etwa so:
Der jährlich zusammentretende Landtag stellte den Steuerbedarf des Wirtschaftsjahres für die Markgrafschaft Mähren fest. Zur Erreichung dieses Bedarfes wurde für die Grundherrschaften (neben anderen Regelungen für die 7 Städte etc.)

a) ein Steuersatz auf die Einkünfte des landwirtschaftlichen Ertrags der erbuntertänigen Bauern und Gärtler festgesetzt (die Landflächen des Herrenstandes waren steuerfrei)

b) ein Steuersatz auf die sonstigen Einkünfte aus der Herrschaft, bare (Bräuzins, etc.) sowie unbare (Frondienste, etc., die mit Umrechnungsformeln in Geld umgewandelt wurden) festgesetzt.

Bemessungsgrundlage für a) war die Selbstauskunft der Grundherrschaft über die in der Herrschaft existierenden landwirtschaftlichen Produktivflächen in untertänigen Lahnen im Jahre 1750. Hierbei waren ausdrücklich sämtliche unproduktiven Flächen wie Wege, Bäche, etc. ausgenommen. Bereits Schwoy vermutet, daß die angegebene Anzahl von Lahnen viel zu gering sei. Daß Steuerhinterziehung schon eine lange Tradition hat, bewies eine später vorgenommene exakte Vermessung. Diese belegte, daß die Produktivfläche in Mähren 38% größer war als per Selbstauskunft angegeben.

Der Begriff Lahn ist in diesem Zusammenhang als eine variable Flächengröße zu verstehen, die zum Zwecke der Steuergerechtigkeit je nach Ertrag des Bodens unterschiedlich groß ausfiel. In Mähren wurde hierzu das Land in drei Bonitätsklassen (I-III) unterschieden, welche an Ausmaß bei Ackerfläche z.B. wie folgt ausfielen:
Bonität I = 100 Metzen a 600 Klafter
Bonität II = 125 Metzen a 600 Klafter
Bonität III = 150 Metzen a 700 Klafter
Bei guten Böden mit hohem Ertrag war ein Lahn deutlich kleiner als bei kargen Böden mit schlechtem Ertrag. Im Jahre 1750 wurde ein Normertrag aus einem Lahn mit 180 fl angenommen, wovon 60 fl als Steuer erhoben wurden -> Steuersatz 33 1/3% (nach Schwoy) Später wurde der Steuersatz auf 36 2/9% (65 fl) erhöht.

Der Lahn diente also als Normierungseinheit zur Ermittlung der Besteuerungsgrundlage. Daß die tatsächliche ehemalige Größe eines Lahnes heute nicht ermittelt werden kann, dürfte im wesentlichen mit zwei Faktoren zusammenhängen: - zum einen haben die Grundherrschaften ihre Produktivflächen zum Zwecke der Steuerminderung künstlich kleingerechnet
- zum anderen wurden im Laufe der Jahrhunderte etliche unproduktive Flächen in produktive umgewandelt ohne daß exakt festzustellen ist, wie groß der Zuwachs pro Bauer war.

Bemessungsgrundlage für b) war die Selbstauskunft der Grundherrschaft aus Ihrem sonstigen Ertrag der Herrschaft bezogen auf das Jahr 1750, welche bei Schwoy auch "obrigkeitliche Schätzung" genannt wird. Hiervon wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Schwoy's Publikation ein Steuersatz von 26,4% erhoben. Auch hier vermutet der Autor nicht zu unrecht, daß die in seinem Werk angegebenen Zahlen deutlich unter den tatsächlich erwirtschafteten Werten liegen.

Die Angaben der Lahnen und der "obrigkeitlichen Schätzung" bei Schwoy dienen wie oben gezeigt zur Darstellung der Wirtschaftskraft der jeweiligen Herrschaft und waren gleichzeitig die "Einheitswerte" für die Besteuerung derselben. Bei einzelnen Orten hingegen wollte Schwoy hingegen mit der Angabe der Joch Acker etc. die tatsächliche landwirtschaftlich genutzte Fläche herausstellen.

Bzgl. der wörtlichen Erläuterung seitens Schwoy siehe dort:
Band I, Seite 131f:
XVI Unterthänige Lahnen, und obrigkeitliche Schätzung


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